Brands Irina Gutman Von Irina Gutman

International expandieren, gewusst wie: Steuerlichen Anforderungen – Ein Interview mit Accordance

Wenn Sie die internationale Expansion in Betracht ziehen oder bereits grenzüberschreitend verkaufen, müssen Sie alle geltenden steuerrechtlichen Anforderungen kennen. Wir haben uns darüber mit einem echten Fachmann unterhalten: Rob Janering ist Senior VAT Consultant bei Accordance, dem internationalen Beratungsunternehmen für Umsatzsteuerfragen und Compliance.

Janering hat die Antworten auf einige der dringendsten Fragen, die sich international verkaufende Händler dieses Jahr stellen müssen.

  • Welcher E-Commerce-Trend war für Einzelhändler im Jahr 2015 der wichtigste?

Es gab ein Thema, das alle Konferenzen, an denen wir im letzten Jahr teilnahmen, beherrschte: Die Frage, wie sich der Einkauf für Kunden weiter vereinfachen und die Lieferzeiten so weit wie möglich verkürzen lassen. Das traditionelle Fernverkaufsmodell, bei dem die Ware von einem Zentrallager aus überall hin versandt wird, stirbt aus. Die Verbraucher wollen ihre bestellten Produkte heute so schnell wie möglich. Daher beobachten wir bei Unternehmen einige klare Trends:

  • Sie möchten sichergehen, dass die entsprechenden Umsatzsteuer-Anmeldungen durch sind, bevor sie als Händler tätig werden (um etwa Probleme beim Produktversand zu minimieren), und
  • interessieren sich für Lager-Standorte in größerer Nähe zu ihren Kunden.

Diese Tendenz hin zum Einsatz mehrerer Standorte bei der Lagerhaltung hat dazu geführt, dass heute mehr Umsatzsteuer-Anmeldungen nötig werden. Das liegt daran, dass Händler mit steigenden Absatzzahlen die Schwellenwerte für Fernabsätze überschreiten oder ihre Produkte direkt im Ausland einlagern – und somit im jeweiligen Land umsatzsteuerpflichtig werden.

  • Was sind die größten Herausforderungen für Onlinehändler 2016?

Wir gehen davon aus, dass Unternehmen, die E-Commerce-Plattformen unterhalten, in Zukunft noch stärker unter der Beobachtung nationaler Steuerbehörden stehen werden. Das Thema Umsatzsteuerbetrug hat selbst im britischen Oberhaus bereits Einzug gehalten: Die Steuerbehörden nehmen die Benutzer solcher Seiten immer genauer unter die Lupe.

Dafür ausschlaggebend war, dass Unternehmen außerhalb der EU diese Sites zum Teil nutzen, ohne Umsatzsteuer zu erheben – oder Umsatzsteuer-Nummern verwenden, die zu anderen Unternehmen gehören. Das Endergebnis ist immer dasselbe: Den Steuerbehörden entgehen Einnahmen, und ortsansässige Unternehmer, die sich an die Gesetze halten, sind weniger wettbewerbsfähig, da bei der Konkurrenz die Umsatzsteuer unter den Tisch fällt. In der letzten Vorweihnachtszeit führte die britische Behörde HMRC daher sogar Lagerhaus-Razzien in Großbritannien durch – auf der Suche nach nicht besteuerten Produkten.   

  • Wie können sich Händler für ein erfolgreiches Jahr 2016 vorbereiten?

Zum Start in ein gutes Handelsjahr sollten Unternehmen ihre derzeitigen und voraussichtlichen Lieferketten überprüfen und überlegen, welchen neuen Anforderungen sie möglicherweise bald entsprechen müssen. Es ist wichtig, das zum Beginn des Kalenderjahres zu tun: die Schwellen für Fernabsätze werden unter Berücksichtigung der Umsätze aus diesem Zeitraum kalkuliert. Der französische Schwellenwert etwa ist jüngst von 100.000 auf 35.000 Euro gefallen. Unternehmen überschreiten ihn folglich mit einiger Wahrscheinlichkeit früher als ursprünglich angenommen.

Viele Unternehmen, die bislang unter diesem Wert lagen, werden ihn nun möglicherweise überschreiten – und werden damit umsatzsteuermeldepflichtig. Mit einer guten Vorausplanung können Unternehmen sich aufs Wesentliche zu fokussieren: ihre Expansion. Da die Anmeldung für die Umsatzsteuer zwischen sechs und acht Wochen in Anspruch nehmen kann, ist es wichtig, proaktiv zu planen, damit zum Zeitpunkt des ersten Verkaufs in einem neuen Zielland alle steuerrechtlichen Anforderungen erfüllt sind. Lassen Sie als Händler also keinen Raum für mögliche Steuerprobleme.

  • Cross-Border Trade bleibt einer der großen Trends im Onlinehandel. Wie und vor allem wo sollten die Händler expandieren?

Als Unternehmer sollten Sie Ihre Expansionsentscheidungen nie allein auf steuerliche Überlegungen gründen. Da der Trend momentan aber hin zu einer möglichst schnellen Lieferung geht, empfehle ich zu prüfen, wo es geeignete Lagerhäuser gibt – und wie leicht Sie diese für sich nutzen können.

Amazon beispielsweise hat vor kurzem neue FBA-Lager in Polen und Tschechien eröffnet, die bereits von einigen ausgewählten Händlern genutzt werden dürfen. Ein Unternehmen, das diese Lager nutzt, braucht eine Umsatzsteuernummer in dem entsprechenden Land.

Übrigens empfehlen wir Händlern, sich immer gründlich zu informieren, ob die Möglichkeit besteht, dass ihre Ware ohne ihr Wissen zwischen Lagerhäusern verschoben wird. Amazon etwa verlegt mitunter Ware, die sich nicht schnell genug verkauft, von seinem deutschen ins tschechische Lager. Damit entstehen für die Eigentümer dieser Waren neue steuerliche Verpflichtungen. Diese zu erfüllen, ist schwierig, wenn man gar keine Kenntnis (und die dazugehörigen Dokumente und Aufzeichnungen) von diesem Sachverhalt hat.

  • Wenn Sie Händlern einen Ratschlag zur Absatzsteigerung geben könnten, welcher wäre das?

Achten Sie auf ein einwandfreies „Umsatzsteuer-Profil“. Absatzfördernde Maßnahmen machen wenig Sinn, wenn Sie nicht an die Umsatzsteuer denken und deshalb Ihre Marge falsch kalkulieren. Und zweifellos kann eine Konfrontation mit den unerbittlichen Steuerbehörden richtig ins Geld gehen!

Mehr Tipps und Strategien finden Sie im E-Book „International verkaufen? Alles, was Sie über die Mehrwertsteuer wissen müssen.“, einer Gemeinschaftsarbeit von Accordance und ChannelAdvisor. Das eBook geht viele Umsatzsteuer-Fragen, die beim weltweiten Unternehmenswachstum aufkommen, systematisch durch.

rob-janering

Rob Janering, Senior VAT Consultant bei Accordance

Rob Janering beschäftigt sich bereits seit über zehn Jahren mit dem Thema indirekte Steuern und ist ausgewiesener Experte bei allen Fragen rund um die Umsatzsteuer („value added tax“, kurz VAT).

Bei Accordance berät er Kunden bei Fragen rund um den grenzüberschreitenden Handel, erstellt detaillierte Audits bestehender und neuer Geschäftsaktivitäten und erarbeitet praxisorientierte Unternehmenslösungen. Er ist qualifiziertes Mitglied des britischen Chartered Institute of Taxation (CIOT).

 

Sprechen Sie mit einem ExpertenUm einen Anruf bitten